Mittwoch, 29. April 2026

Bericht: IPR? DMEASG?

Bischofsrelief, unten Mitte die Buchstaben IPR, rechts außen die Buchstaben DMEASG (Foto: Friedhelm Trowe)

Rätselhafte Buchstaben!

Das Bischofsrelief an der Kirche St. Ludwig

Wer an der Frankenthaler Kirche St. Ludwig vorübergeht oder sie von der Wormser Straße aus betritt, schenkt dem Relief neben dem Eingang wohl keine große Beachtung. Zu Unrecht. Denn das Kunstwerk mit seinen Motiven und rätselhaften Buchstaben hat viel zu erzählen – Geschichten aus einer Zeit, als die Pfalz noch zum Königreich Bayern gehörte.

Die Grundsteinlegung der zweiten katholischen Kirche in Frankenthal im Jahr 1934 war die hundertste von Bischof Ludwig Sebastian (1862-1943). Der in Frankenstein bei Kaiserslautern geborene und seit 1917 amtierende Speyerer Oberhirte hatte den Kirchenbau sehr gefördert. Ursprünglich sollte das neue Gotteshaus dem heiligen Josef geweiht werden, doch aus Dankbarkeit wählte die Pfarrei den Namenspatron des Bischofs, den heiligen Ludwig, zum Schutzpatron. Dabei handelt es sich um König Ludwig IX. von Frankreich (12141270), der wegen seines gottgefälligen Lebens den Beinamen „der Heilige“ trägt.

Auf einem Mauerpfeiler der Kirchenfassade steht die überlebensgroße Statue des Heiligen. In seiner Linken hält er zwei Leidenswerkzeuge Jesu: die Dornenkrone und Nägel des Kreuzes – Reliquien, die der fromme König erworben hatte. Die Statue wurde vom Bischof Ludwig Sebastian gestiftet und vom Frankenthaler Bildhauer Georg Schubert (1899-1968) nach einem Modell des Künstlers August Weckbecker (1888-1939) in Stein gehauen.

Unterhalb, auf Augenhöhe, nimmt ein quadratisches Relief aus Sandstein die Breite des Mauerpfeilers ein. Die Umschrift auf drei der vier Seiten lautet: LVDOVICVS EPISCOPVS SPIRENS. Es ist also ein Kunstwerk zu Ehren des Kirchenförderers „Ludwig Bischof von Speyer“, so die Übersetzung aus dem Lateinischen.

Bischofssiegel als Vorlage

Obwohl auf dem Relief Wappenschilde zu sehen sind, stellt es nicht das Bischofswappen dar, das der Bischof seit seinem Amtsantritt führte. Die einzelnen Motive entstammen vielmehr dem Bischofssiegel. Mit dem Ende der Monarchie verfügte die darauffolgende Weimarer Verfassung 1919 die Trennung von Kirche und Staat. Die Kirchen verloren ihren Status als staatliche Behörden, weshalb neue Siegel notwendig wurden. 

Bischof Ludwig Sebastian ließ sein Siegel von Otto Hupp (1859-1949) entwerfen, dem damals bekanntesten deutschen Heraldiker und Schriftgrafiker. Hupp übernahm für das Amtszeichen nur die beiden Schilde aus dem Bischofswappen und fügte weitere Motive hinzu. Für die Umschrift am Rand wählte er eine von ihm speziell für Siegel und Münzen entwickelte Schriftart, die er die Bezeichnung „Numismatisch“ gab.

Dornenkrone und Salbgefäß

Der Bildhauer übertrug die runde Form des Siegels in die quadratische Form des Reliefs. Die Umschrift am Rand weist die gleiche Schriftart auf. Aus Gründen der Textverteilung kürzte der Künstler das Wort „Spirensis” um zwei Buchstaben, während er das Wort „Episcop” um zwei Buchstaben verlängerte.

Das Schild links mit dem Kreuz ist das Wappen des Bistums Speyer. Das Schild rechts zeigt das Wappen des Bischofs mit seinen persönlichen Symbolen: eine Dornenkrone, die ein Salbgefäß umgibt. Die Dornenkrone steht stellvertretend für den Namenspatron, den heiligen Ludwig. Angesichts des bei seiner Weihe noch andauernden Ersten Weltkriegs erklärte der Bischof, „will die Dornenkrone den die ganze Welt umspannenden blutigen Völkerkrieg darstellen“. Und zum Salbgefäß: „Damit will ausgedrückt sein, dass ich aus der Seelsorge hervorgegangen bin.“

Oben in der Mitte befindet sich eine Mitra, die liturgische Kopfbedeckung des Bischofs. Die drei (Edel-)Steine stehen für das dreistufige Weiheamt, das aus Diakon, Priester und Bischof besteht. Die in Schleifen gelegten Bänder der Mitra mit ihren gefransten Enden bilden den Hintergrund. Das Vortragekreuz links und der Bischofsstab rechts hinter den Schilden sind schräg gestellt. Das Vortragekreuz ist das Zeichen der hohepriesterlichen Würde. Der Bischofsstab symbolisiert die höhere Macht und ist Sinnbild des guten Hirten (Joh 10,11). Die Figur eines knienden Beters in der Krümme steht für die Aufgabe des Oberhirten, die Gläubigen seines Bistums zu führen und zu schützen.

IPR – Devise des Bischofs

Unterhalb der beiden Schilde, wo sich die Stäbe kreuzen, sind die drei Buchstaben IPR zu sehen – unscheinbar, als habe der Bildhauer sie zunächst vergessen und nachträglich eingefügt. Was hat es damit auf sich? Nach seinem Abitur im Jahr 1883 in Kaiserslautern bewarb sich Sebastian am Priesterseminar des Bistums Speyer, wurde jedoch abgewiesen. Daraufhin verließ er seine Heimat und trat in das Priesterseminar Bamberg ein, wo er 1887 zum Priester geweiht wurde. Es folgte eine 30-jährige Tätigkeit im Erzbistum Bamberg in der pfarrlichen Seelsorge. Im März 1914 wurde Sebastian zum Domkapitular von Bamberg ernannt. Während des kurz danach beginnenden Ersten Weltkriegs übernahm er die Betreuung von Kriegsopfern. Am 28. Mai 1917 ernannte König Ludwig III. von Bayern (1845-1921) den gebürtigen Pfälzer zum Bischof von Speyer.

In Erinnerung an seine einstige Abweisung in Speyer und die daraus folgende Abwesenheit von der Pfalz wählte er für sein Wappen die Devise „In Patriam Redux” – „In die Heimat zurückgekehrt“, so die Übersetzung des Wahlspruchs. Wobei der Bischof ergänzte, es sei „die Aufgabe des priesterlichen und bischöflichen Amtes, die ihm anvertrauten Gläubigen dem wahren Vaterland – dem Himmel – zuzuführen“. Aus Platzmangel erscheint der Wahlspruch auf dem Siegel und dem Relief nur als Abkürzung mit den Anfangsbuchstaben IPR.

DMEASG – Rolle des Papstes

Auf der rechten Seite zeigt die Umschrift die rätselhafte Buchstabenfolge DMEASG. Mathias Köller, wissenschaftlicher Mitarbeiter im Bistumsarchiv Speyer, hat die Abkürzung entschlüsselt: Es sind die Anfangsbuchstaben von „Divina Misericordia et Apostolicae Sedis Gratia“. Zusammen mit dem Namen und der Amtsbezeichnung des Bischofs lautet also die vollständige Umschrift in Deutsch: „Ludwig Bischof von Speyer durch die Barmherzigkeit Gottes und des Apostolischen Stuhls Gnade“.

Was ist der Hintergrund? Das Konkordat von 1817 zwischen dem Königreich Bayern und dem Heiligen Stuhl räumte dem König von Bayern das Recht ein, die Bischöfe der bayerischen Bistümer – das Bistum Speyer eingeschlossen – zu ernennen. Dem Papst verblieb lediglich die Aufgabe, die Bischöfe kirchenrechtlich einzusetzen. Mit dem Zusatz DMEASG sollte die Rolle der Kirche und des Papstes bei der Besetzung eines Bischofsamtes hervorgehoben werden.

Die Ernennung Sebastians zum Bischof war die letzte, die König Ludwig III. vornehmen konnte. Denn eineinhalb Jahre später wurde der Monarch im Zuge der Novemberrevolution gestürzt und der Freistaat Bayern ausgerufen. Damit war das Königreich Bayern am Ende, und das Konkordat von 1817 hinfällig. (Friedhelm Trowe)